Montag, 11. September 1922

11/9 Berchtesgaden. Der Morgen immer wie in der Blüthezeit meiner Leiden.― Mit O. und Lili an den Königssee; mit dem Motorschiff über den See;― Salletalp; Obersee, zurück;― im Schiff sprach O. darüber (im Anschluss an Gagstatter), daß sie immer weniger die Menschen vertragen könne, die nicht ― ihren „Erkenntnissen gemäß leben“ … Das Problem ist das ewige jeder menschlichen Entwicklung;― nur war mir ärgerlich, wie O. sich selbstverständlich nicht nur im Besitze von „Erkenntnissen“ wähnte ― sondern auch überzeugt schien, im Sinn dieser Erkenntnisse zu leben. Es war stets ihre Art, sich „Principien“ aufzustellen ― je nach dem was sie eben erlebte, wollte, bequem war.― Das krankhafte (bei mir) war nun wieder, daß mich ihre Bemerkungen, aus denen ich ihre ganze Einsichtslosigkeit herausspürte bis zu Kopfschmerzen aergerten.― Zurück;― speisten in Wittelsbach,― und da war es rührend, wie sich O. über das Essen ganz schulmädelhaft freute (nach dem fragwürdigen Essen im Hotel).

― Zu Hause Nachrichten von Frau Lichtenstein für O. ― die (Fr. L.) sehr aufgewühlt scheint. Sie kommt nicht her, die Reise O.s nach Gremsmühlen wieder zweifelhaft ― und was dann werden soll, bleibt dunkel. Noch immer könnt ich sagen: Komm mit nach Wien.― Nein. In normalen Zeiten wär es denkbar ― (aber auch falsch); jetzt wär es übel für alle.― Die Nachrichten aus Wien miserabel.―

Am Verf.

Später zu O. ins Zimmer; die nun ganz unklar was sie machen soll und daher etwas gereizt gegen Frau L. ― und insbesondre Lucy v. J. die irgendwie (Liebessachen) an Frau L.s Ratlosigkeit und Zerfahrenheit mitschuld sein soll. (O. findet jetzt Lucy ― ihre Freundin aus jener ersten Münchner Zeit „böse“ (nicht ganz mit Unrecht).) Am verbittertsten aber scheint sie gegen Alma (die „Schwester“ vom vorigen Jahr) ― wegen eines Briefs (den sie mir gewiss nicht zeigt);― u. zw. ganz offenbar weil in diesem Brief in allem Enthusiasmus, und in guter Absicht,― einige unwillkürlich kritische Bemerkungen über O.s Vorgehen vielleicht gar über ihr Wesen stehen dürften … Sie fügt dann noch allerlei schlimmes über die Hofrätin hinzu ― und vieles wahre, richtige,― wie immer ― und ich mache sie nur aufmerksam, daß sie früher zu all diesen Menschen anders gestanden.― Daß aber auch in ihr selbst nicht alles in Ordnung ― das geht nur vorübergehend wie ein Hauch durch ihre Seele;― nur anderswo ist Schuld … sie geht irgend einen „Weg“, … sie hat „Erkenntnisse“; und alles, was sie thut, was sie unterlässt … bekommt unverzüglich die Gloriole einer Weltanschauung … Es ist ein Hochmut, der völlig ohne gleichen ist, und gegen den nicht anzukommen ist. ― Und nun kommt Lili herein ― und sie scherzen mit einander ― und in O.s Augen sind Thränen ― und sie fühlt natürlich das Schreckliche, dass nun wieder die Trennung kommt ― und daß sie kein Heim hat, und eigentlich keinen Menschen (natürlich nur durch die Schuld „der andern“) … und fühlt Groll gegen mich und schilt mich innerlich hart, egoistisch ― und einen Menschen, der „nicht seinen Erkenntnissen gemäß“ handelt; und denkt eigentlich müßt ich,― nachdem mein Leben, mein Haus, meine Arbeitskraft (natürlich durch mein eignes Wesen, eventuell auch durch eine Belastung von meiner Mutter her) zerstört, oder sagen wir verstört ist ― ihr irgendwo ein Haus miethen und ihr Lili geben zu alldem was ohnedies geschieht ― und geschah.― Aber dabei fühl ich mein Herz stückweis zerbrechen ― wenn ich sie so beisammen sehe, Olga und Lili ― und kann doch nichts thun.― Ich speiste mit Lili allein unten;― sie ist ganz köstlich in ihrer Klugheit und Kindlichkeit dabei.―