Samstag, 6. August 1921

6/8 Wie fast immer herrlicher Morgen;― schreibe die letzten Tage auf.― See, Berge, Dachstein;― Landschaft und Luft unvergleichlich. Eigentlich ein angeregtes sogar heitres Leben;― Hoffnungen auf Arbeit;― mancherlei Sympathien um mich; und bei alldem ― wie z. B. jetzt ein unsagbares fast durchschauerndes Gefühl von Unheimlichkeit. Insbesondre das Entrücktsein von O. Wenige, gute kurze Nachrichten aus P. von ihr und den Kindern. Wie wir vor 5 Jahren noch hier beisammen waren;― und nun, wieder (freilich um zwanzig Jahre später! ―) eine Art „Junggesellenleben“ … ähnlich wie nach dem Tode von M. R.;― nach dem Betrug M. G.― Auch diesmal fehlt jenes Gefühl der Befreitheit nicht ganz;― doch wie umschattets mich von allen Seiten; eigentlich, wie schattet sich’s heran.

― Schlafe gut; Träume minder. Neulich ― Begräbnis meines Vaters;― irgendwie im Cottage,― oder auch Schwarzenbergplatz ― ich selbst in Gassen in der Nähe, will nicht dabei sein, nicht gesehen werden;― grabe mit einem Spaten (oder spreche davon?), was irgendwie ein Ersatz ist. (Deutung u. a. Schwarzenbergplatz: Gartenfest 1. Akt Verführer.― Spatengraben: die Verschwundnen in dieser Gegend, Vermutung, daß der Verbrecher sie begraben hat etc.) ―

Heute träum ich, daß ich mit Heini (ich schrieb natürlich zuerst Julius) in einer (unsrer?) Wohnung speise ― auf dem Graben (wieder „Graben“ fällt mir eben ein) etwa Aziendahof; er ist höchst ärgerlich, dass ich mich verspäte; Paula sitzt neben ihm bei Tisch; ich hole mir (Ausgeding!) selbst Suppe ― oder Reis. (Gespräch über ihn mit Gisa, mit Kolap!) ―

Früh mit Kolap in ihrem Garten (bei Schwarz) Gespräch über meine Lebenssituation.―

Lichtensterns vergeblich erwartet;― zu Gisa, als Führer der zufällig begegneten Budapester Cousine Josefa Kallos sammt Sohn;― Hajek mit seiner Furunkulose zu Bett; mediz. Gespräch.―

Zu der holländ. Schauspielerin, die mit einem gestern verletzten Fuß in ihrem Garten ausgestreckt liegt; Sommer und Landschaft um sich; Maler Horovitz und ein junger holl. Schauspieler.―

Beim Hotel V. L. mit ihrer Schwester;― Kerryhütte Bad; wir liegen dann im Geröll; V. L. erzählt mir einen sonderbaren Traum. (Wiese;― Begegnung mit einem Unbekannten, der sie unendlich liebt; er fragt sie: Liebst du mich, sie weiß, er will, aus Angst vor Verantwortung hören: Nein; sie sagt es; er athmet befreit auf, sie sinkt (aus Schmerz) todt nieder, Blutstropfen fallen aus ihrem Herzen.) ―

Mittagessen bei Schwarz’; auch Arthur Kfm.― Gespräch über „Todtsein“ und Sterben; ungar. Paßgeschichten.―

― Ins Hotel; V. L. und Schwester in meinem Zimmer,― Dr. L., sein Bruder, Frl. Schn. kommen vom Loser, erzählen vom Bad im Augstsee. Wir sitzen auf der Seeterrasse. (Vorher Briefe, darunter die Bilder zum Reigen von Eggeler, sehr schlecht) ―, dann begleit ich sie alle die Wiesenwege; sie gehn über die Tressen. Ich bleibe in unnatürlicher Melancholie zurück.―

Zu Auernheimer, der im Garten humpelt; Graf und Gfn. Sizzo-Noris, über den verstorbnen Thaddeus Rittner; es fügt sich, daß ich humoristisch meine ersten Eintritte in die Oeffentlichkeit erzähle.―

Nachtm. beim Seewirth;― dann zu Jacob (der mit Martha oberhalb Filtsch wohnt). Paul Zifferer und Frau, Arthur Kfm., Peter Kuranda;― über die Hunger- und Epidemienkatastrophe in Rußland etc.―