Freitag, 1. Juni 1917

1/6 Heute früh, nach tel. Anfrage ― U.;― theilt mir in großer Erregung mit ― der Arzt seiner Frau habe ihn zu sich gebeten ― eine Todeskrankheit (Operation dieser Tage) ist bei ihr festgestellt ― „Denken Sie ― welches Schicksal ― wäre das 3 Wochen früher constatirt worden, so hätte sich St. nicht umbringen müssen ―“ das ist das einzige ― was ihn an der Sache wirklich erschüttert ― der überzeugt ist, daß St. sich im Grunde doch nur wegen der Aussichtslosigkeit getödtet hat (am Ende auch nicht ganz unrichtig).― Auch er noch Urlaub ― war jetzt wo er zuletzt mit ihr gewesen ― kaufte in Linz im Hotel ― das Bett’ der letzten Nacht! (es wird für nach dem Krieg aufbewahrt -); war auch in Aussee ― mußte aber an der Brücke kehrt machen ― schläft jede zweite Nacht in St.s Zimmer ― begreift nicht daß er weiter lebt ― und läßt sich auch, wie jener andre ― gern überreden, daß er eigentlich weiter leben muß … Dann brachte O. Bilder von St., kleine von unsern Reisen ― er nahm sie, ging unter Thränen.― O. sagt zu mir: „Du bist der Erzbischof von der ganzen Sache …“ Wie übersichtlich ― allzu übersichtlich wird nun die Sache. Sie war offenbar völlig hin- und hergerissen ― für ein Wesen von ihrer Lauterkeit ― Tapferkeit ― und Schwäche gab es nichts als den Tod. Was sich nun begibt, an seelischen Nachabenteuern, an Situationen, ist bei aller Tragik irgendwie ― von einem großartigen Humor. Sobald die wahre Übersicht da ist ― kann offenbar der „Humor“ (ein nicht ganz zutreffendes Wort) nicht ausbleiben. Wo Humor ― keine Langeweile ― daher der liebe Gott mit seiner ewigen Übersicht sich niederträchtig gut amüsiren muß.―

Dictirt ein Concept an Millenkovich.

Nm. am Nachklang.―

Zum Thee Gfn. Wydenbruck mit ihrer Tochter Ella; über die Persönlichkeit des Kaisers, die Thronrede;― Taktlosigkeiten Wilhelms;― Antipathien zwischen hüben und drüben.―

Mit Heini Mozart VI. Clav. Concert.―

Las FontanesKindheit“ (zum 2. Mal) zu Ende. GrimmsSüdafrik. Novellen“.

Neulich geträumt: eine Art Jahrmarktstraße auf dem Weg nach Grinzing (zum Kriegspital);― St. soll den Weg kommen, aus dem Spital, aber sie kommt nicht (ohne jede Betonung).