Donnerstag, 10. März 1887

10/3 Donnerstag Abend ― auf dem Journale.― Mehr als ein viertel Jahr hab ich nichts in mein Tagebuch geschrieben. Manches, was ich seitdem erlebt, ist lang vorüber ― länger als der Kalender sagt, der eigentlich nur lügnerische Wahrheiten spricht ― Ich will möglichst chronologisch erzählen! Olga schrieb mir nicht eben selten; Briefe meist, äußerlich kalt gehalten, zwischen den Zeilen sprühte mancher Funken. Was Dora mir erzählte, regte mich tief auf. Da erhielt ich Anfang December eine telegraphische Einladung auf eine Schlittenpartie nach R.

Ich fuhr Abends weg; kam bei herrlichem Mondschein (kommt mir vor) an, fuhr im Schlitten durch das süße Thal zum ― Thalhof. Es war so winterlich und schön ― Das Ehepaar ― er und sie begrüßten mich freundlich ― Plötzlich fand ich mich wieder in der sonderbar anmutenden Kanzleistube, ― sie auf einem Schemel mir zu Füßen ― Ich schüttete ihr das Herz aus über all den Unsinn, den mir Dora erzählt hatte. Sie staunte, daß ich so etwas glauben konnte ― die Täuschung der andern sei ihr geglückt ―

Des andern Tags machten wir eine Schlittenpartie ins Höllenthal. Ich sass mit ihr wie ein Prinz mit der Prinzessin im Wagen ― er wie ein Lakai am Bocke. Wir konnten wenig sprechen, ja uns eigentlich nur von der Seite ansehen, da er lauschte und sich so halb umzuwenden pflegte. Es war eine herrliche, schöne Fahrt. In einem Wirthshaus am Eingang des Thals rasteten wir zu dritt ― Abends trafen wir uns im Salon oben ― eine Weile waren wir allein; ich sass beim Clavier ― sie stand neben mir ― dies und jenes wurde gesprochen. Dann dinirten wir ― Eine Weile verschwand er mit ihr ― es mußte was geschehen sein. Sie kam zurück ― schien merkwürdig verzweifelt resignirt, trank viel ― ich wunderte mich und sass peinlich berührt daneben. Es war eine reich besetzte Tafel; außer uns dreien war noch das Frl. H. und die Engländerin da (glaub ich ―?). Dabei war es still; das Gespräch gezwungen; abgerissen. Er ging auf eine Weile weg. Plötzlich sie zu mir: „Er hat alles gehört ― (Il sait, que je vous aime) ― jetzt ists alles eins ― jetzt ist alles eins“ ― Er kam wieder herein; ich war in schrecklicher Stimmung. Er war Katzenfreundlich. Ich mußte rasch fort; der Zug ging ab; der Wagen wartete ― Sie lag drin mehr als sie sass, auf dem Sopha ― ich ging unruhig im Zimmer hin und her. Um die Pein los zu sein, forderte ich ihn frischweg auf mit mir auf die Bahn zu fahren ― indem ich auf sein Mißtrauen anspielte ― Er lehnte ab ― ich fuhr, nachdem mich beide (komisch) zum Wiederkommen eingeladen, mit dem bereit stehenden Schlitten in furchtbarer Laune ab. „Er hat alles gehört“ ― fuhr es mir immerfort durch den Sinn ― „Was wird geschehn ―?“ Nichts geschah ― zwei Tage drauf erhielt ich einen Brief von ihr ― sie wäre etwas unwohl gewesen.

Ein paar Tage drauf traf ich sie wie besprochen bei B.s am Abend eines Jour fixe. Sie stellte die gewisse „Frage“ ― Unendlich! Ihr Mann hatte sie glauben machen wollen, dass er alles gehört. „Jetzt hab ich für mein Leben genug“ äußert er. Es stellte sich heraus, daß er Abends, während wir im erleuchteten Zimmer waren, von einem Dach aus uns beobachtet hatte und nur lebhafte Gesticulationen bemerkte.― Der Abend bei B.s war hold ― sie theilte mir das Compote vor wie in Meran ― Ich sagte ihr: der Champagner ist nicht schlechter, wenn man ihn trinkt ― ein Becher, den man zur Neige leert, ernüchtert nur, wenn der Trank schlecht war ― Wochenlang sah ich Olga nicht. Wir correspondirten fleißig; in ihren Briefen theilte sie mir manchmal mit ― daß ich nichts hoffen solle. Andre klangen heißer ― überall stand zwischen den Zeilen. Ich liebe dich! ― Dann traf ich sie wieder im Jänner oder Feber auf dem Ring und nach dem Concerte… Ja, der Winter, es mischen sich andre Weiber drein! Etwas von den andern ― Während mein Papa in Nizza war (er reiste an dem Tage dorthin, an welchem ich Anfangs Dezember aus R. von jener Schlittenpartie zurück kam) übernahm ich seine Clientel. Da kam eine junge Ungarin hinauf, Helene K., die mit ihrer Mutter nach Wien gekommen war, um sich zur Sängerin auszubilden. Ein Mädchen aus anständiger Familie, kokett, hysterisch. Sie besuchte mich weiter, als ich schon im Spitale ― ordinirte ― indem wir uns beide einredeten, sie käme zum Doctor ― Doch es hub eine große Zärtlichkeit an ― sie ist heute sozusagen usque ad hymen meine Geliebte ― eine diesem Mädchen gegenüber wie mir scheint nicht übel angebrachte Vorsicht liess mich dieses letzte ― aber eben gerade nur dieses letzte unsichtbar sichtbare Zeichen ihrer Jungfräulichkeit schonen. Es ist übrigens sonst kaum eine Spur von einem Unterschied von einem vollkommen sexuellen Verhältnis. Sie wurde mir durch ihre Lügenhaftigkeit und Affectation oft genug zuwider. Ich behandle sie schrecklich. Ich sage ihr: Canaille! Du bist zum Luder geboren ― Sie sei mir ekelhaft ― ich stoße sie von mir, wenn sie mich küssen will ― ich gehe weg, weil ich ein andres Rendezvous habe und sage es ihr, ich verspreche ihr, sie die Treppen hinunterzuwerfen ― sie schwört mir hundert Mal, daß sie nie mehr kommen wird ― und kommt immer wieder ― sie küsst mir die Hände, kniet vor mir nieder ― küsst mich wie eine Verrückte und ist mir ― Schnuppe! Sie hat gewiss sehr viel anziehendes. Sie hat eine reizende Gestalt; pikantes Gesicht, hübsche Stimme ― aber manchmal ist sie mir wirklich ganz zuwider. Sie hat schon oft bittre Thränen darüber geweint ― es ist mir manchmal eine gewisse Lust, sie zu quälen ―

Dann Malvine. Das ist ein kleines Mädelchen, die einmal mit Charlotte Pfl., die mich im Herbst wieder ein paar Mal aufsuchte, zu einem Rendezvous kam. Charlotte und sie kamen zu mir in mein Zimmer; Malvine spielte (fürchterlich) Clavier; Charlotte und ich „kosten“ auf dem Canapé. Charlotte hatte sich verlobt; hat auch richtig seitdem schon geheiratet.―

Dann traf ich Malvine auf einem Ball (küsste sie). Wir trafen uns auf dem Eise; sie machte mir ein Liebesgeständnis. Ich redete ihr ab. Wir trafen uns ein paar Mal; aufdem Sportfest, auf dem Eise, neulich erst wieder auf einem Kränzchen. Sie scheint sehr verliebt ― es gab colossale Liebkosungen ― ja warum gehn die Weiber decolletirt auf den Ball!―

Gisela A., mit der ich etwas brouillirt war, attachirte sich neulich auf einem Balle wieder lebhaft, nachdem ich ihr auf einem vorigen entsetzliche Dinge gesagt, und küsste mich plötzlich während der letzten Schnellpolka ganz wahnsinnig auf das Ohr.―

Das ist aber alles so nebensächlich! Freilich amüsirt es von Fall zu Fall. So auch im Herbst noch das kleine Souper Jenny, Tinchen, Sophie ich, Louis und Fritz.―

Etc.―

Wenn ich bedenke, daß das letzte Wort, welches ich von Olga, erst vor ein paar Stunden hörte, war ― „Ich liebe dich wahnsinnig ―“ Olga ist nemlich seit fast 14 Tagen hier & es gelang mir einige Rendezvous mit ihr zu haben ― Ich traf sie in der Gschnasausstellung. Plötzlich mußten wir fliehen; weil bekannte dort waren ― ein paar Schritte konnt ich sie noch begleiten ― sie nahm Abschied mit den Worten Habe mich lieb! ― Und dann macht sie immer so süße Augen. Dann war sie in der Oper (Merlin) ich nicht weit hinter ihr. Zwischen uns in der Reihe Frau M.― Ein paar Worte draußen.― Nach dem letzten Philh. begleitete ich sie durch den Belvederegarten. Sie bögelte meine Eifersucht nieder ― sagte ― „Ich hab dich ja so lieb.“ (Den letzten Satz hindurch ist sie immer per du mit mir.) Heute „traf“ ich sie auf dem Ring ― erklärte ihr, daß sie sich selbst betrüge, vor sich selber eigentlich nie eingestehen wolle, dass sie mir ein Rendezvous gebe ― Sie: Sie wären der erste, der mich verachten würde, wenn ich anfinge incorrect zu sein ― Ich sagte ihr, das seien von mir nicht approbirte Phrasen. Ich mußte sie wieder nach ein paar Minuten verlassen. Sie hat eine Heidenangst.― Von ihrem Mann bekommt sie schroff-ironisch-mißtrauische Briefe.― Beim Abschied war sie wieder per du ―„Ich lieb dich wahnsinnig ―“ ― Zu dumm! jetzt ist sie so lang in Wien ― und ich kann sie nicht länger als 15 Minuten sprechen ― Allerdings befindet sie sich in precärer Lage!― Ich muss noch einige Daten eintragen.―

Im November oder December bin ich „gedruckt“ worden. Aphorismen von mir erschienen in der Dtsch. Wochenschrift, kurz darauf eine Skizze: Er wartet auf den vacirenden Gott.― Der Redacteur forderte mich zu häufiger Mitarbeiterschaft auf ― ich habe seitdem natürlich nichts von mir hören lassen.

Bin mit Hr. Dr. B. W. zusammen Red. einer „Intern. kl. Rundschau“. Größtentheils besorgt noch der Papa meine Agenden. Ich bin überhaupt kein Journalist ― gewiss kein medizinischer!

Bin noch immer Sec. Arzt bei Meynert. Lax! Bummle! Habe keinen guten Ruf in der Wiener Gesellschaft. Die mich kennen, nehmen sehr meine Partei ― bin da oder dort geschätzt: als Causeur, als Klavierspieler (Walzer, die ich mir eventuell selbst „componire“) als „Schauspieler“ ― Man erzählt, ich sei arrogant, blasirt, weiß Gott was ― fast überall Frauenzimmer die ich auf Bällen oder wo anders nicht regardirt habe ― In einigen Kreisen bin ich sehr beliebt. Die Mehrzahl schimpft über mich.

Familien, in denen ich verkehrte, oder verkehre: Strisower, Benedict (charmante Frau, kokette gescheidte Emmy, Engel Minnie, Mazur ihr gewidmet, Kind) etc.

Manche Abende nett mit Dora verplauscht. Man erzählte u. a., daß sie sich mit Olga zerzankt, weil D. mich ihr weggeschnappt. Haha.

Belastet“ die ursprünglich Menschenliebe genannte Erzählung. Manches gefiel nicht; ich habe noch keine Versuche gemacht, sie zu veröffentlichen; ich will einige Motive stärker ausführen. Manche waren sehr befriedigt; der Stil wurde überall gelobt, der Stoff zu schroff gefunden, wenn auch originell.― Olga schrieb mir „sie kann sich von dem Zauber der Erzählung noch nicht los machen“.

Schreibe jetzt ( sehr faul) eine Comödie Albine; eine Novelle „Reue der Unschuld“.

Habe das Spielen fast ganz aufgegeben. Nur von Zeit zu Zeit, während ich ein paar Monate sehr häufig spielte.―

Im Kaffeehaus eigentlich wenig; Abds. um 6 gewöhnlich ― Gesellschaft: Fritz K., Theodor Poll.RussoLouis M., seltner: Max Friedmann, Alex. M., Adolf W., Strauß, etc., Geyer.

Lieber Freund: Fritz K. ― reizender, mitempfindender, nicht nur mitfühlender Mensch ― in Reden und Stimmungen bisweilen angenehm extravagant. Sein „Lieb“ Amy. Er ist der einzige, mit dem ich über Olga spreche.

Kuwazl. Stark in der Gesellschaft Fr.Kn. in deren intimsten Kreis ich übrigens auch aufgenommen bin. Sein Verhältnis mit ― Ueberhaupt beaucoup de chance! Sympathisch; gescheidt; nichts weniger als „ein Charakter“. Sehr mißliebig. Miserabler Ruf. In gewissen Dingen mit Grund. Mit ihm sehr befreundet.

Louis M. liebenswürdig bis zur Langweiligkeit. Überall geschätzt wegen seiner Güte. Vollkommen unbedeutend. Er könnte an allem großen und schönen achtlos vorbeigehen ― Es fehlt ihm sogar das Talent des Percipirens. Jedes Kunstwerk ist für ihn ein verschleiertes Bild zu Sais. Wenn man ihm sagte, dass hinter dem Schleier ein Bild steckt, würde ers ohne weiters glauben; aber er ist der Jüngling nicht, der den Schleier hebt. Guter Kerl. Hab ihn sehr, sehr gern.

Adolf W. wieder hier ― Spielt nach wie vor den „erfahrenen“. Predigt gern; es gelingt ihm schwer, sichs abzugewöhnen. Begabt. Mir riesig freundschaftlich gesinnt. Predigt Wasser; trinkt es aber nur deshalb, weil er keinen Wein hat. Wenn er ihn hat, trinkt er ihn eh. Viel Sinn für das Schöne. Starke Intelligenz.

Matthias R. Früher großer Lump. Angenehmer, ziemlich witziger Bursch.

Richard H. Wie immer. Kastelt, reiht ein, pedantisch abgezirkelter aesthetischer Sinn; nichts ursprüngliches, manches eigentümliche.

Abend bei R.s. Kuwazl als Graf Kuwazowski, Fritz als ― Kuwazl.― Sehr komisch.

Meinen Walzer (durch Michna zu Papier gebracht) an O. geschickt unter dem Titel R.-Walzer. Geiringer spielte ihn bei uns auf dem Balle, so wie die Mazur; bringt jetzt oft Themen daraus.

Rosa Sternlicht ― angenehmes gescheidtes Mädchen, fühlt sich doch eigentlich Künstlerin ―

Helene H. ― zieht sich nach wie vor durch die Faschingsaison ― Mancher angenehme Abend großentheils durch ihr sympathisches Geplauder, gutes Tanzen, reizendes Äußere und einen gewissen zweifellos vorhandenen „Magnetismus“.

Lina ― die Französin vom vorigen Jahr traf ich plötzlich auf einem Ball bei H-n’s, wo sie jetzt ist ― seither war sie eines Abends Gast meines Cognacs und meines Bettes.

Frau B. vor Monaten über O.: ― „Ob sie wohl standhaft bleiben wird ―“ (Im allgemeinen.)

April

Mai

Juni