Freitag, 8. Oktober 1886

8/10 Freitag Nachm.― Nicht um ein Haar besser. Schlechter eher.―

Doch es ist noch einiges nachzutragen.

Noch einmal hab ich sie gesehen. Samstag den 18.September fuhr ich mit meinem Bruder hinaus, nachdem Mama und G. sowie ein Cousin früher hinaus gefahren waren. Es war eigentlich schon ein Herbstabend.― Sie war auf einer Hochzeit in Wien gewesen und kam später, als schon die ganze Gesellschaft im Clavierzimmer versammelt war… Ein paar Worte nur. Sagen Sie mir nur, daß Sie mich lieben ― sagte ich … Sie wissen es ja … erwiderte sie. Es lag etwas Herbes in ihrem Tone; sie war krank, heiser, ging auf ihr Zimmer.― Ihr Vater war wieder dagewesen; es gibt meinetwegen die entsetzlichsten Vorwürfe und Skandale. D. erzählt mir das. Diese verstimmte mich am nächsten Tag stark mit ihrer vorlauten Weisheit. Sie gab zu, daß mich O. liebe, wie sie überhaupt nur einen Menschen lieben könne, doch fehle ihr Temperament, Leidenschaft. Aus allem aber mußt’ ich entnehmen, daß O. ihr doch lang nicht alles mittheilt ― Auch hat sie mir ja vor langem schon einmal gesagt: Man hält mich für ein Marmorherz, ich bin keins.― Ich konnte keine zehn Worte mit ihr sprechen. Sie sagt mir: Schreiben Sie mir.― Ich steckte ihr Abends, nachdem wir alle im Clavierzimmer Gesellschaftsspiele gespielt, einen Zettel zu. „Wissen Sie, daß ein Blick von Ihnen mein Leben ist? Dass der Ton Ihrer Stimme mich verrückt macht? Daß mein Leben in dem selben Momente aufhören müßte ―, in dem ich nicht mehr überzeugt sein könnte, daß Sie mich lieben? Ich muss Sie wiedersehn, ich muss. Ahnen Sie, wie ich Sie liebe? Wie ein Rasender … Es existirt nichts auf der Welt als Sie. Sie sind Alles, ein Engel, mein Gift ― ein süßes Gift! Was mich fesselte, verschwimmt.― Ich muss Sie wiedersehn…“

Montags Morgen reiste ich ab. Ich war allein auf der Terrasse; ein Unbekannter trank ruhig seinen Thee. Sie erschien beim Fenster … mit dem Spitzentuch wie damals in M.― Lang starrte sie mich an. Dann sah ich wie ihr Blick sich verschleierte, Thränen ihr ins Auge kamen.― Sie fuhr mit dem Schleier über ihr Gesicht und verschwand vom Fenster.―

Seitdem hab ich sie nicht gesehn.― Wir correspondiren; selten; officiell; ab und zu liegt etwas zwischen den Zeilen. Ihr erster Brief klang fast wie ein Abschied. Ich eilte zu D.; ich hatte den Brief in meiner Aufregung großentheils mißverstanden. Doch sagte mir D. wie gewöhnlich unangenehmes. Nie etwas andres wie Freundin… wenn ihr Vater ihr die Alternative stelle, müßte ich mich bescheiden ― u. s. w. Dinge zum Theil, die allem widersprechen, was O. mir selbst gesagt.― Es ist klar, daß eine Art von Scham sie abhält, D. gegenüber aufrichtig zu sein, und es ist ein Unsinn, daß ich mich auch noch dadurch, was D. sagt, verstimmen lasse, wo die Verhältnisse genug trauriges ergeben.― Aber ich brauche nur noch einen jener unsagbar süßen Blicke ins Gedächtnis zu rufen, wie sie O. für mich hatte ― ― und ich weiss, daß sie mich liebt.― Am Tag nachdem ich weg war, wurde wieder, D. erzählte es mir, Kartenorakel gespielt. Es wurde unter anderm gefragt: Wer ist in einen entfernten Doctor verliebt?― ― ― Die Karte nannte ― O.― Sie wurde glührot; es muss peinlich gewesen sein.

― Ich muss mir manches noch zurückrufen.―

Wie sie mir einmal beim Schachspiel sagte: Ich möchte Ihren Kopf in die Hand nehmen und streicheln…

Und beim letzten Heimfahren im Waggon … wie sie mir da die Blume, die ich von Emmy erhalten hatte, aus dem Knopfloch riss und wegwarf.―

Und als ich sie fragte, …warum lächeln Sie denn immer so grausam, wenn ich eifersüchtig bin, erwiderte sie: … Weil es mich so unendlich glücklich macht!

… Dann wie sie plötzlich mein Parfum gebraucht, das ich in M. zu benutzen pflegte ―

Und dann einen Abend von ihren Gebetbüchern: ― Heyses guter Kamerad,

Faust ― und jene zwei Gedichte, die ich aus I. geschickt ―

Heute ists ein halbes Jahr, dass wir auf Sigmundskron waren … Oh warum verschwindet das alles…? Es ist unwiederbringlich vorbei… Unglaublich, räthselhaft, wie, wenn ich an jene M.er Tage denke, wie es mich da überkommt … ein Schwindel,…mir klopft das Herz … es ist gewiss! Damals muss ich am glücklichsten gewesen sein!―

November